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Filmmusik: Was sind Leitmotiv, Mood-Technik & Underscoring?

Filmmusik

In diesem Beitrag möchte ich die Funktion von Filmmusik beleuchten und Dir die drei Begriffe Leitmotiv, Mood-Technik und Underscoring erklären. Denn häufig ist es die Musik, die wir neben der Handlung im Kopf behalten, weil sie uns emotional einfach so berührt hat. Sie ist ein tolles Werkzeug für Storytelling auf der akustischen Ebene. Nicht umsonst werden Komponisten wie beispielsweise Hans Zimmer als Helden gefeiert. Dabei muss Filmmusik nicht immer das ausdrücken, was auf dem Bild zu sehen ist.

Musik ist eine von vier Komponenten, die einen Soundtrack ausmachen – neben den Soundeffekten, dem Dialog und der Atmo. Was es mit den anderen Komponenten auf sich hat und wie sie ein kohärentes Ganzes formen, habe ich bereits in meinem Beitrag „Die 4 Ebenen eines Soundtracks“ erläutert. Ebenso wie der Soundtrack an sich in verschiedene Komponenten unterteilt ist, so lässt sich auch Filmmusik in drei verschiedene Typen aufgliedern. Diese drei Techniken sind die Leitmotiv-Technik, die Mood-Technik und das Underscoring.

Leitmotiv-Technik

Diese Technik geht auf Richard Wagner zurück, der sie im 19. Jahrhundert in seinen Opern und Musikdramen bekannt gemacht hat. Bei der Leitmotiv-Technik werden musikalische Motive benutzt, um sie in verschiedenen Variationen immer wieder zu verwenden. Dabei können sowohl die Instrumente als auch die harmonische Begleitung variieren.

In der Filmmusik wird die Leitmotiv-Technik benutzt, um Personen, Handlungen oder Gegenständen ein wiedererkennbares musikalisches Motiv zu geben, das durch den kompletten Film verwendet wird. Wenn man das Leitmotiv dann weitere Male hört, hat man sofort eine emotionale Verbindung dazu. Oft funktioniert das Leitmotiv unterbewusst. Ein Beispiel: Für einen Trailer für ein Alternate Reality Game über eine künstliche Intelligenz habe ich ein Motiv komponiert, das auf einer Zwölftonreihe basiert und einem geheimen USB-Stick zugeordnet wird. Immer wenn der USB-Stick oder das Geheimnis im Trailer thematisiert werden, dann ist das entsprechende Motiv zu hören.

Mit der Leitmotiv-Technik lässt sich ein Film also um eine zusätzliche Dimension erweitern, da auf der akustischen Ebene Informationen gegeben werden können, die auf dem Bild nicht zu sehen sind. Auf diese Weise kann man im Soundtrack das sogenannte Foreshadowing einsetzen. Hierbei gibt man dem Zuschauer eine subtile Vorahnung, was wohl als nächstes passieren wird – mithilfe des musikalischen Motivs. Beispielsweise könnte das Leitmotiv einen Hinweis geben, an welchem Ort die nächste Szene spielen wird.

Ich möchte Dir ein paar Hollywood-Beispiele geben:

  • Star Wars: Ein bekanntes Leitmotiv aus Star Wars ist der „Imperial March“, also das Darth Vader Theme. Diese dunkle Melodie assozieren wir als Zuschauer sofort mit Darth Vader. In der Filmmusik von Star Wars wird dies ganz konkret eingesetzt, damit man schon vorher weiß, ob die folgende Szene auf der guten oder der dunklen Seite der Macht handelt.
  • Herr der Ringe: Das „Isengard Theme“ wird in Herr der Ringe das erste Mal eingesetzt, wenn es darum geht, wie die Armee der Orks erschaffen wird. Von dem Moment an bekommt man jedes Mal Gänsehaut, wenn dieses schaurige Leitmotiv ertönt, das von Blechbläsern gespielt wird.
  • Indiana Jones: Das „Indiana Jones Theme“ hat das schon eine weit positivere Wirkung. Wenn es erklingt, ist es, als wolle es einem sagen: „Alles wird gut. Gleich kommt der Auftritt des Helden. Er hat alles im Griff.“

Mood-Technik

Im Gegensatz zur Leitmotiv-Technik werden bei der Mood-Technik nicht einzelne Ereignisse musikalisch untermalt, sondern die Gefühle der Protagonisten. Außerdem kann die Filmmusik eine bestimmte Atmosphäre erzeugen, die wiederum Gefühle beim Zuschauer hervorrufen kann. Der Ursprung dieser Technik liegt in der Barockzeit und der mit ihr verbundenen Affektenlehre.

Bei der Mood-Technik bekommt eine Szene erst durch die Musik ihren gefühlsmäßigen Charakter. Ähnlich wie bei der Leitmotiv-Technik wird das Bild also auch hier um eine Dimension erweitert. Der Komponist hat bei der Mood-Technik einen besonders großen Einfluss darauf, wie das audiovisuelle Gesamtprodukt wahrgenommen wird. Filmmusik kann hierbei sogar manipulativ wirken. Nicht umsonst wird diese Technik auch sehr gerne in Werbespots angewendet.

Es gibt ein tolles Experiment, mit dem Du Dir die manipulative Wirkung der Mood-Technik bewusst machen kannst: Nimm eine Szene und lege unterschiedliche Musiktitel darunter. Du wirst sehen, dass die Wahl der Musik einen riesigen Einfluss auf die Wirkung einer Szene hat.

Um Gefühle und Stimmungen zu erzeugen, hat der Komponist mehrere Möglichkeiten:

  • Wahl des Instruments: Es macht einen Unterschied, von welchem Instrument eine Melodie gespielt wird. Eine Trompete hat beispielsweise etwas Heldenhaftes, während eine Geige weinerlich wirkt.
  • Tonlage: Tiefe Töne wirken in der Regel düster, während hohe Töne tendenziell eine fröhliche Wirkung haben.
  • Tonart: Die Harmonien entscheiden sehr stark darüber, welche Gefühle wir mit der Musik assoziieren. Egal ob Dur, Moll oder andere Akkorde: Jede Harmonie hat eine eigene Wirkung und auch die Reihenfolge der Akkorde spielt eine Rolle.
  • Tempo: Die Spielweise ist ebenfalls ein nicht zu unterschätzender Faktor. Traurige Filmmusik ist meist langsam, wohingegen fröhliche Musik ein schnelleres Tempo vorweisen kann.
  • Lautstärke: Ja, auch die Lautstärke entscheidet mit, welche Wirkung die Musik hat.

Ein Beispiel für die Mood-Technik ist die folgende Schluss-Szene aus dem Film Mathilde (2004). Schau Dir den Clip doch vorher einmal ohne Ton an und dann mit Ton. Du wirst merken, dass der Unterschied enorm ist!

Underscoring

Die dritte Technik in der Filmmusik ist das sogenannte Underscoring. Bei dieser Technik wird jede Bewegung und jede Handlung im Film vertont. Instrumente werden benutzt, um Bewegungen und Geräusche nachzuahmen. Bei einer Bewegung nach unten geht auch die Melodie nach unten. Die Musik nimmt den Rhythmus und das Tempo der jeweiligen Bewegung an.

Du wirst rasch merken, dass diese Technik sehr schnell cartoonartig wirken kann. Das ist kein Wunder! Schließlich haben die ersten Disney-Filme mit genau dieser Technik der Filmmusik gearbeitet. In ihrer Extremform wird bei dieser Technik wirklich jedes noch so kleine Detail musikalisch untermalt, was man als Mickey-Mousing bezeichnet.

Es ist nicht verwunderlich, dass das Underscoring hauptsächlich in Komödien und Animationsfilmen vorkommt. Mithilfe dieser Technik kann man übrigens auch hervorragend mit Klischees arbeiten: Du hast eine Szene in Paris? Dann lass ein Akkordeon die Musik spielen! Dein Film spielt in Schottland? Dann ist ein Dudelsack das Instrument erster Wahl!

Da die Musik bei dieser Technik eins zu eins auf der akustischen Ebene das wiedergibt, was auf dem Bild zu sehen ist, gibt sie dem Bild keine weitere Dimension. Das Underscoring unterscheidet sich somit von den ersten beiden Techniken.

Der Kurzfilm Music Land aus der Silly Symphonies Reihe von Disney ist ein extremes Beispiel von Underscoring, das schon in Richtung Mickey-Mousing geht:

Zusammenfassung

Es gibt drei verschiedene Arten von Filmmusik: Leitmotiv-Technik, Mood-Technik und Underscoring. Die ersten beiden Techniken erweitern das audiovisuelle Produkt um eine Dimension, da die Musik zusätzliche Informationen liefert. Dies ist beim Underscoring nicht der Fall. Filmmusik muss darüberhinaus auch nicht immer so laut sein, dass sie Dir förmlich ins Gesicht springt. Manchmal ist sie sehr subtil, sodass Du sie gar nicht bewusst wahrnimmst. Trotzdem hat sie eine unterbewusste Wirkung auf Deine Wahrnehmung.

Übrigens muss Filmmusik nicht immer zwangsläufig speziell für einen bestimmten Film komponiert sein. Häufig verwenden Regisseure sogenannte Temp Tracks, um dem Komponisten eine Richtung vorzugeben, in die die Musik gehen soll. Manchmal kann es dann auch passieren, dass diese Platzhalter-Musik letztlich doch im Film landet, weil der Regisseur sie besser findet als die speziell komponierte Filmmusik. Dies war zum Beispiel in Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“ der Fall.

Für kleinere Projekte kann es durchaus mehr Sinn machen, Archivmusik zu benutzen, als extra einen Komponisten zu beauftragen.

Wenn Du noch mehr über Filmmusik erfahren möchtest, dann empfehle ich Dir mein Interview mit wellcooked.audio. In diesem schildern Jonas und Dejan ihre konkrete Herangehensweise bei der Filmmusik zu „Und ob ich tanze!“.

**Beitragsbild by Andrey Konstantinov on Unsplash


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