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Corona Soundscape: Wie klingt ein Lockdown?

Corona-Soundscape

Die Corona-Krise hat ihren ganz eigenen Soundtrack. Das merkt man, wenn man sich die Frage stellt, wie der COVID-19-Lockdown eigentlich klingt. Ganz nebenbei handelt es sich hierbei um ein ausgezeichnetes Beispiel, um eine ganz bestimmte Komponente im Soundtrack eines Filmes besser zu verstehen – die Atmo (auch Ambience genannt).

Irgendwas stimmt hier nicht

Stell Dir vor, Du würdest während der Zeit des Lockdowns vor Dein Haus gehen und eine 5-minütige Tonaufnahme der Kulisse machen. Und dann würdest Du eine Zeitreise machen in die Vergangenheit oder Zukunft, um einem Nachbarn Deine Aufnahme vorzuspielen. Dieser würde sofort merken, dass hier etwas nicht stimmt – ausschließlich anhand der Tonaufnahme.

Eigentlich eine spannende Idee, oder? Jeder von überall auf der Welt nimmt die Kulisse vor seiner Haustüre während des Lockdowns der Corona-Krise auf, um ein Soundarchiv für die Nachwelt zu erstellen. Genau diesen Gedanken hatte Sara Lenzi, als sie für die Webseite soundesign.info das Projekt „The Sound Outside“ ins Leben gerufen hatte. Auch ich habe bei diesem Projekt mitgemacht und die Klangkulisse meiner Heimatstadt aufgenommen. Ich fand die Aufnahme so interessant, dass ich aus ihr kurzerhand eine verstörende Klang-Collage mit düsterer Musik gebastelt habe.

Schon vor Corona hat es Sound-Forscher gegeben, die Extremsituationen akustisch dokumentiert haben. So haben beispielsweise Wissenschaftler die Klanglandschaften nach der Katastrophe von Fukushima untersucht.

Soundscape, Ambience, Atmo

In der Überschrift dieses Artikels habe ich den Begriff Soundscape verwendet. Dieser bedeutet übersetzt nichts Anderes als „Klanglandschaft“. Klangforscher sind davon überzeugt, dass man eine akustische Kulisse ebenso untersuchen kann wie eine Landschaft. Deshalb leitet sich der Begriff auch vom englischen „landscape“ (deutsch: Landschaft) ab. Eine Soundscape kennzeichnet sich sowohl durch das große Ganze als auch durch die kleinen Details, die sie ausmachen.

In meinem Artikel über die vier Ebenen eines Soundtracks habe ich bereits beschrieben, dass es bei Filmen eine vergleichbare Komponente gibt – nämlich die Ambience beziehungsweise Atmo. Hierbei geht es einerseits darum, eine glaubhafte klangliche Hintergrund-Kulisse zu schaffen. Andererseits lassen sich auch sehr beunruhigende Tonspuren erzeugen, indem man die Atmo einfach weglässt und so einen unnatürlichen Klang kreiert.

Den Filmton bewusst manipulieren

Es gibt aber noch mehr Möglichkeiten, Einfluss auf die Ambience und somit auf den gesamten Soundtrack zu nehmen! Wie Du bereits bei der Corona-Soundscape gesehen oder – besser gesagt – gehört hast, enthält die Aufnahme einer Klanglandschaft sehr viele Informationen, die der Hörer verarbeitet.

Lass uns das Beispiel des Nachbarn noch einmal aufgreifen. Woher weiß er, dass etwas nicht stimmt? Ganz einfach: Er hat eine klare innere Vorstellung davon, wie sich seine Welt normalerweise anhört.

Als ich die Soundscape meiner Heimatstadt analysiert habe, sind mir beispielsweise folgende Dinge aufgefallen:

  • Verkehr: Es ist eindeutig weniger Verkehr unterwegs. Das betrifft sowohl Autos als auch Flugzeuge. Dadurch ist einerseits das Grundrauschen leiser, weil man die entfernte Autobahn gar nicht mehr hört. Andererseits sind die vereinzelten lauten Geräusche sehr viel seltener geworden.
  • Natur und Tierwelt: Die Geräusche der Tierwelt werden plötzlich nicht mehr von dem Lärm überdeckt und sind wahrnehmbar. Außerdem habe ich das Gefühl, dass die Tiere sehr viel näher an die Häuser kommen, sich mehr trauen und sehr viel aktiver sind. Das wirkt sich logischerweise auf die Soundscape aus, die sehr von Tiergeräuschen geprägt ist.
  • Handwerker und Straßenreiniger: Wenn man nur die Tierwelt und den Verkehr analysiert, könnte man auch zu dem Schluss kommen, dass die Aufnahme vielleicht von einem Feiertag stammt. Aber es sind auch Handwerker und Straßenreiniger zu vernehmen, die nur unter der Woche arbeiten. Diese klangliche Information zusammen mit den vorangegangenen Infos lassen nur den Schluss zu, dass irgendetwas seltsam und anders ist.
  • Unterhaltungen: Als letzter Aspekt kommt hinzu, dass die wenigen Unterhaltungen alle sehr leise sind, obwohl es gar keinen Grund gibt, zu flüstern. Man kann die Angst der Menschen förmlich spüren.

Natürlich laufen nicht alle diese Beobachtungen bewusst ab. Das Gegenteil ist der Fall. Wenn der Nachbar aus dem Beispiel nicht unbedingt gerade ein Klangforscher ist, dann wird er diese Informationen eher unterbewusst verarbeiten. Dennoch muss ich auch dazu sagen, dass wir Klangforscher nicht privilegiert sind. Mit ein bisschen Übung kann man die Fähigkeit des analytischen Hörens trainieren!

Was bedeutet das jetzt für den Filmton?

Ähnlich wie bei Filmmusik ist es auch bei der Atmo möglich, dem Zuschauer Informationen zu geben, die er im Bild nicht sieht. Auf diese Weise ist der Soundtrack nicht bloß eine Wiedergabe dessen, was im Film zu sehen ist. Stattdessen erweitert die Tonspur den Film um eine zusätzliche Dimension. Die Ambience kann also genutzt werden, um dem Zuschauer unterbewusst vorab Informationen zu geben. Man spricht hierbei auch vom Foreshadowing.

**Beitragsbild by Dale Nibbe on Unsplash


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